Zur Kritik der Internetdiskussionskultur

Obwohl mir die zumindest in marxistischen Kreise recht bekannte Gruppe Gegenstandpunkt aus verschiedenen, teils „geschmäcklerischen“, teils inhaltlich-theoretischen Gründen, unsympathisch ist, sagen ihre Vertreter doch auch sehr oft richtige Sachen. So z.B. Peter Decker zur Internetdiskussionskultur:

Ich mag den Stil, Verlauf und die aufgedrehte Präsentation eurer Debatte nicht und frage mich, ob das am Medium liegt, d.h. ob ihr meint, angeberisch ironische Pseudonyme, mal herabsetzende, mal herablassende Beschimpfungen und sonstige Elemente einer fetzigen Kritik und Gegenkritik wäret ihr dem Medium Internet schuldig: Ein sehr kleiner Kreis von gut unterrichteten, man möchte sagen, geschulten Leuten diskutiert im elektronischen toten Briefkasten virtuell weltöffentlich Unklarheiten über die Staatstheorie und versucht mit den genannten Touren sich und die Debatte für die Welt, die gar nicht hinschaut, interessant zu machen. Tatsächlich liegen die Diskutanten im praktischen Standpunkt und theoretisch nicht weit auseinander. Tatsächlich streitet ihr zweitens um schwierige Fragen, die überall aufkommen, wo unsere Staatstheorie rezipiert wird. Und dann beharkt ihr euch, als ob ihr es mit lauter Dummköpfen, Renegaten und Antikommunisten zu tun hättet. Ihr steigt einander auf lauter Abwege nach und verliert die Hauptsache eine Weile aus den Augen, findet über Umwege wieder zurück; beleidigt einander und verbraucht dann wieder Zeilen und Zeit, um zu einem sachlichen Ton zurückzufinden bzw. einander zu einem solchen Ton zu ermahnen. Statt der endlosen Threads und Kurz-Stellungnahmen fände ich es viel nützlicher, wenn die Protagonisten identifizierbar unterschiedlicher Auffassungen ihre Sicht einmal zusammenhängend aufschreiben und der Auffassung, die sie für verkehrt halten, gegenüberstellen würden. Solche Anfragen oder Stellungnahmen an die Gegenstandpunkt-Redaktion geschickt, hätten wir uns längst an der fälligen Klärung beteiligt. Aber euch ist das Medium, euere Internet-Plattform wichtiger, als eine Klärung mit uns. Wir bekommen anonymisierte e-mails zugeschickt, dass wir eure Diskussion nicht ignorieren sollen. Antworten können wir dem anonymen Schreiber nicht schicken, aber Mitglied im Internet-Diskutierklub sollen wir werden.

Gefunden auf gegenstandswechsel.blogsport.de


3 Antworten auf “Zur Kritik der Internetdiskussionskultur”


  1. 1 Kulturpapst 16. April 2008 um 15:26 Uhr

    Na toll, da wird *die* Internetdiskussions“kultur ausgerechnet an einem Statement abgehandelt, in dem die eigentliche Diskussion, die da geführt wurde, gar nicht vorkommt (der Poster hat sich ja sogar die Mühe gespart, auf deren Fundstellen hinzuweisen). Wem es in erster Linie um Kultur als um Diskussion geht, der kann sich eh besser im Feuilleton einer gehobenen Tageszeitung ergötzen oder Cicero lesen.

  2. 2 Administrator 16. April 2008 um 16:53 Uhr

    Hm? Ich habe doch die Fundstelle verlinkt, und der Link führt dann wiederum zur Ursprungsfundstelle.
    Peter Decker selbst bezieht seine eigenen Aussagen über das Internet als Diskussionsmedium nicht nur auf diesen einen speziellen Fall, sondern auf das Medium Internet im Allgemeinen, auch wenn er das Wort „Internetdiskussionskultur“ selbst nicht verwendet. Dieses Wort kennzeichnet aber meiner Meinung nach schon das, was der Decker mit seiner Beschreibung sagen will.

    Also ich zumindest finde schon, dass sich die angegebene Schilderung bis zu einem gewissen Grad verallgemeinern lässt.
    Und dass sich eben das Medium, in dem die Diskussion stattfindet auch auf die Diskussion selbst auswirkt, finde ich wirklich eine zutreffende Beobachtung. Das heißt natürlich nicht, dass es einen streng kausalen Determinismus geben würde, dass Diskussionen im Internet immer in der beschriebenen Weise ablaufen müssen, aber das Medium übt halt selbst doch einen gewissen Einfluss aus, über den sich die Diskutanten selbst vielleicht garnicht im Klaren sind bzw., wie Decker ja sagt, nicht primär an der Klärung des Gegenstands, sondern an der Präsentation ihrer selbst und ihres Forums interessiert sind.

  1. 1 classless Kulla Trackback am 14. Mai 2008 um 9:22 Uhr
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