Zur Kritik der Menschenrechte

Die Menschenrechte sind Axiome: Auf dem Markt können sie mit vielen anderen Axiomen nebenher bestehen, insbesondere über die Sicherheit des Eigentums, von denen sie eher ignoriert oder aufgehoben werden, als daß sie ihnen widersprechen: „das unreine Gemisch oder das Unreine Seite an Seit“, wie es bei Nietzsche heißt. Wer kann die Misere und die Deterritorialisierung-Reterritorialisierung der Elendsviertel aushalten und verwalten – wer sonst außer der Polizei und den mächtigen Armeen, die mit den Demokratien koexistieren? Welche Sozialdemokratie gab nicht den Schießbefehl, als das Elend sein Territorium oder Getto verließ? Die Rechte retten weder die Menschen noch eine Philosophie, die sich am demokratischen Staat reterritorialisiert. Die Menschenrechte werden uns nicht dazu bringen, ein Loblied auf den Kapitalismus anzustimmen. Und es bedarf schon einiger Unschuld oder Gerissenheit, wenn eine Philosophie der Kommunikation durch Bildung einer als „Konsens“ verstandenen universellen Meinung, die in der Lage sei, Nationen, Staaten und den Markt auf moralische Prinzipien zu gründen, die Gesellschaft der Freunde oder sogar der Weisen wiederherstellen will. Die Menschenrechte sagen nichts über die immanenten Existenzweisen des mit Rechten ausgestatteten Menschen. Und die Scham, ein Mensch zu sein, überkommt uns nicht nur in den von Primo Levi geschilderten Extremsituationen [Auschwitz; Z.K.], sondern auch unter minder bedeutsamen Umständen, angesichts der Niedertracht und Vulgarität der Existenz, die die Demokratien heimsucht, angesichts der Ausbreitung dieser Existenzweisen und dieses marktgerechten Denkens, angesichts der Werte, Ideale und Ansichten unserer Epoche. Die Schmach der uns gebotenen Lebensmöglichkeiten kommt von innen zum Vorschein. Wir fühlen uns nicht außerhalb unserer Epoche, im Gegenteil: wir schließen unaufhörlich schändliche Kompromisse mit ihr. Dieses Schamgefühl ist eines der mächtigsten Motive der Philosophie. Wir sind nicht für die Opfer verantwortlich, vielmehr vor den Opfern. Und es gibt kein anderes Mittel, der Schmach zu entkommen, als zum Tier zu werden (grunzen, wühlen, grinsen, sich auf dem Boden wälzen): Das Denken selbst ist manchmal einem verendenden Tier näher als einem lebenden Menschen, und sei er Demokrat.
Wenn die Philosophie sich am Begriff reterritorialisiert, finden sie dessen Bedingung nicht in der gegenwärtigen Form des demokratischen Staates, auch nicht in einem Kommunikationscogito, das noch fragwürdiger ist als das Reflexionscogito. Uns fehlt nicht Kommunikation, im Gegenteil: wie haben zuviel davon, es fehlt Schöpferisches. Uns fehlt es an Widerstand gegenüber der Gegenwart. Die Schöpfung von Begriffen verweist in sich selbst auf eine zukünftige Form, sie verweist auf eine neue Erde und auf ein Volk, das es noch nicht gibt. Die Europäisierung stellt kein Werden, sie stellt lediglich die Geschichte des Kapitalismus dar, der das Werden der unterworfenen Völker verhindert. Kunst und Philosophie treffen sich in diesem Punkt: der Konstitution einer Erde und eines Volkes, die noch fehlen, als Korrelat des Schöpferischen. Nicht populistische, vielmehr die aristokratischen Autoren klagen diese Zukunft ein. Dieses Volk und diese Erde werden nicht in unseren Demokratien zu finden sein. Demokratien sind Mehrheiten, aber ein Werden ist seiner Natur nach das, was sich immer der Mehrheit entzieht.

Aus: Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Was ist Philosophie? Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1996. S. 124 ff.

Kommentar von mir: Eigentlich eine recht gute Kritik.


1 Antwort auf “Zur Kritik der Menschenrechte”


  1. 1 willyam 07. Juli 2008 um 13:10 Uhr

    Eigentlich? Mit diesen Zeilen ist so viel gesagt, das die Ohnmacht der Philosohpie, im Allgemeineren: der Akademie aufzeigt: Uns fehlt nicht Kommunikation, im Gegenteil: wie haben zuviel davon, es fehlt Schöpferisches. Uns fehlt es an Widerstand gegenüber der Gegenwart. Die Schöpfung von Begriffen verweist in sich selbst auf eine zukünftige Form, sie verweist auf eine neue Erde und auf ein Volk, das es noch nicht gibt. Genau in diese Richtung verrennt sich doch die schöngeistige Postmoderne. Vieles kosmopolitisch in der ein oder anderen Variation – aber letzten Endes doch alles auf Papier und in einem in der Regel grundsätzlich doch meinungsübereinstimmenden Raum „diskutiert“. Oder etwa nicht?

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