Philosophie und Subversion

Angeregt von der Empfehlung meines „postmodernen“ Freundes (der „postmoderne“ Freund ist für den unorthodoxen Marxisten wohl das, was im Fernsehen der schwule Freund für die Hauptdarstellerin ist – man will trotz seiner Verschiedenheit dasselbe und amüsiert sich königlich darüber) studiere ich seit einiger Zeit das Büchlein „Was ist Philosophie?“ von den Gilles Deleuze und Felix Guattari.1 Trotz der mitunter eklektizistisch wirkenden Lobeshymnen auf Nietzsche, Hegel, Spinoza („der Erste unter den Philosophen“; S. 57) und Marx und der mitunter leicht wirr wirkenden Sprache2 schaffen es die beiden darin einen Begriff der Philosophie zu entwickeln, der sie nicht der affirmativen Kommunikation preisgibt, sondern als subversive, utopische und schöpferische Kraft behauptet.

Ihr Denken ist im Grunde, wenn auch auf ungewohnte Art und Weise, hochgradig materialistisch und dialektisch. Philosophie ist für sie zunächst eine Sphäre vollständiger Beliebigkeit – die Schöpfung neuer Begriffe vergleichen sie so z.B. mit einem Würfwurf und sie leugnen eine stringente Notwendigkeit in ihrer historischen Entwicklung (die eben eine „Werden“ und keine Geschichte darstellt). Begriffe sind rein selbstreferenziell und „Wahrheit“ als objektive Kategorie zur Beurteilung philosophischer Probleme gänzlich ausgeschaltet – an ihre Stelle tritt der „Geschmack“, dessen einziges Kriterium der Interessantheitsgrad einer neuen Philosophie ist.
Die Philosophie ist eine schöpferisch Kraft, die mit einem Denken in unendlicher Geschwindigkeit konsistente Immanenzebene entwirft – die Schöpfer dieser Ebenen keine singulären, jenseits der Ebene stehenden Ich’s, keine Subjekte, sondern die Schöpfer einer Ebene sind mit ihr zeitgleich existierende Begriffspersonen, die den mehr oder weniger unausgesprochenen Kernbestand einer Philosophie ausmachen.
Doch gerade dadurch, dass sie das Denken nicht als Subjekt-Objekt-Beziehung, sondern als eine Bewegung auf (und der) Ebene, der Erde, ein „Sieb durch das Chaos“ denken, lösen sie sich zugleich davon, die philosophischen Begriffe nur als selbstreferenzielle Kopftotgeburten vereinzelter Individuen, die erst denken und dann handeln würden, zu behandeln, wie es Schorsch überzeugend für Heidegger darlegte. Philosophie ist eine Deterritorialisierungsbewegung der Erde selbst und reterritorialisiert sich zugleich im Entwurf einer neuen Erde – der Utopie, die im Augenblick ihrer Verwirklichung selbst eine Deterritorialisierung darstellt. Philosophie ist also letztendlich immer politisch, sie treibt die Kritik ihrer Zeit auf die höchste Spitze3, selbst wenn sie sich an „schlechten“ Utopien reterritorialisieren sollte4. Obwohl sie von dem von der bürgerlichen Gesellschaft, vom Kapitalismus, erzeugten Freiheit der Meinung und dem Absterben der feudalen Transzendenz abhängt, wie sie in ihrer Gründung vom Entstehen der attischen Demokratie abhing, weist sie doch stets über diese hinaus, wenn sie sich nicht gerade unter Schlagwörtern wie „Kommunikation“, „Wirtschaftsethik“, „common sense“ oder gar „Marketing“ und ihrer schöpferischen Kraft abschwört, ihre Begriffe, die dann keine Begriffe mehr sind, zu Waren macht und demokratischen und merkantilen Entscheidungsprozessen ausliefert – was mit der Unterwerfung der Philosophie unter das Primat von Logik und Wissenschaft einhergeht.
Gegenüber beiden Bedrohungen klagen Deleuze und Guattari ein größeres Selbstbewusstsein der weder kommerziellen noch kommunikativen noch wissenschaftlich-logischen Begriffsschöpfung ein. So heißt es etwa: „Die Philosophie der Kommunikation erschöpft sich in der Suche nach einer liberalen Universalmeinung als Konsens, hinter dem man die zynischen Wahrnehmungen und Affektionen des Kapitalisten in persona wiederfindet.“ (S. 172) Die „Universalien der Kommunikation“ verweisen eben auf keine Utopie, tragen nichts Schöpferisches in sich, sondern bestätigen nur das Nun-mal-so-Seiende.

Eine Kritik, die sehr an Adorno und die kritische Theorie (der Freund der demokratischen Kommunikation, Habermas, wohl ausgenommen) erinnert. Der Hauptunterschied liegt wohl in dem Optimismus, der sich schroff vom deterministischen Pessimismus der Frankfurter abgrenzt. Da der Kapitalismus nicht einfach als abgeschlossene Totalität, sondern eher als offener Prozess betrachtet wird, der zugleich Widerstandspotentiale erzeugt, ist sein Ende abzusehen und die der Philosophie immanente Utopie kein Ding der Unmöglichkeit, sondern alles ist möglich oder sollte es zumindest sein.

Ich denke, in den nächsten Wochen werde ich auf diesem Blog weitere kleine Texte und Ausschnitte aus dem Buch veröffentlichen.

  1. Meine Ausgabe: suhrkamp taschenbuch wissenschaft Band 1483 [zurück]
  2. Wikipedia dazu: „Deleuze‘ Schriften entziehen sich der leichten Lesbarkeit, was einem artifiziellen, hochkomplexen und assoziativen Schreibverfahren geschuldet ist.“[zurück]
  3. Man lese nur mal Platon! [zurück]
  4. Dies könnte man mit Sicherheit als Schwäche der „postmodernen Indifferenz“, wie sie ja im Rahmen der Debatte um den „Ums Ganze“-Kongress hinreichend am Beispiel des postoperaistischen „Multitude“-Begriffs kritisiert wurde (so z.B. hier), auffassen. Zugleich ist diese, von Deleuze und Guattari keineswegs verheimlichte, sonden offen als Utopie eingeforderte, Indifferenz nunmal die Konsequenz daraus, radikal auf auf moralische Maßstäbe zu verzichten und es ist nicht so, dass Deleuze und Guattari z.B. über Heideggers Nazismus und die katastrophale Wendung des Weltlaufs nach Auschwitz schweigen würden – im Gegenteil.[zurück]