Von der Bewegung des Verbrauchers

Nach meiner hochtrabenden Reflexion über die Bewegung des Gedankens will ich mich nun einer etwas konkreteren, aber nicht minder reflexionswürdigen (eigentlich ist alles reflexionswürdig!) Form der Mobilität, auseinandersetzten, und zwar der automobilen. „Automobil“, diese hässliche Wortchimäre aus dem griechischen Pronomen „autos“, „selbst“, und dem lateinischen Adjektiv „mobilis“, beweglich – es müsste eigentlich weitaus klangvoller, aber wohl zu Vermarktungszwecken wegen zu geringer Eingängkeit „Autokinätär“ oder „Ipsemobil“ heißen – wäre eigentlich ein gutes Prädikat, das man zur Beschreibung des kapitalistischen Menschen schlechthin heranziehen könnte. Ich will aber nicht gleich zu Anfang ins brodelnde Wasser des Gedankens springen und schicke zunächst einmal die Anmerkung vorraus, dass ich selbst ein höchst miserabler „Autokinätär“ bin. Wer also die Objektivität meiner Gedanken auf billige Art bestreiten will, der möge dies als Basis seiner Argumentation verwenden. Alle anderen werden mir ohnehin zustimmen, sofern ich nicht ganz falsch liege.

Was vor noch nicht allzu langer Zeit ein Privileg weniger war, die Möglichkeit zur individuellen Fortbewegung zu jeder Zeit und an jedem Ort, ist heute für alle, die nach den Maßstäben der Gesellschaft nicht ganz bescheuert sind, zum erschwinglichen Allgemeingut geworden. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass es eine unabtrennbare Wechselbeziehung zwischen der herrschenden Fortbewegungsform einer Epoche und dem Grad der Individualität gibt. Der Aufstieg des Automobils zum herrschenden Transportmittel ist also ein ganz natürlicher Schritt auf dem Wege zur totalen Individuation aller, die wiederum, wie wir alle wissen, nur der totalen Gleichschaltung aller gleichkommt. Jeder ist als Individuum frei, sich dorthin zu bewegen, wo es ihm von den diversen Machtinstanzen im- und explizit vorgegeben wird – ob zur Arbeitsstelle, zum Einkaufen oder in den Urlaub. Historisch betrachtet ist das in höchstem Maße evident – das Fließbandsystem Henry Fords markierte eine neue Stufenleiter kapitalistischer Wertakkumulation im Zeichen des von ihm propagierten Antisemitismus, der deutsche Vater von Autobahn und Volkswagen war kein geringerer als Adolf Hitler selbst.

Bis heute ist die ökonomische Bedeutung der Automobilbranche und der ihr anhängenden Industriezweige speziell in Deutschland enorm. Wie bei wohl keinem anderen Phänomen kann man hier beobachten, wie sich ökonomische Interessen, politische Maßnahmen und das kulturindustriell formierte kollektive Unterbewusstsein nahezu deckungsgleich überschneiden. Das ganze hat aber auch eine viel tiefere, weitgehendere Dimension, die nur mit einem Blick auf die Subjektivität des Autofahrers ersichtlich wird. Das Autofahren verlangt von ihm nämlich, wie die ganze bürgerliche Gesellschaft, durchgängig genau das, was Adorno und Horkeimer so schön und treffend mit dem Begriff „Gewitztheit“ belegen, die Fähigkeit, spontan und intuitiv auf die jeweils von außen vorgegebene Situation zu reagieren. Das Autofahren ist also das genaue Gegenteil von der Art von Mobilität, die ich mit der des Gedankens in Verbindung gebracht habe. Der Autofahrer kann garnicht nachdenken, er kann seinen Blick garnicht schweifen lassen, er darf seine Aufmerksamkeit auf nichts als auf den Verkehr richten, und diese muss, obwohl er eigentlich nichts geistig herausforderndes zu bewältigen hat, permanent angespannt sein. Der aufmerksame Marx-Leser wird hier unschwer die Analogie zur Schilderung des Verhältnisses vom Arbeiter zur Maschine im „Kapital“ ausmachen können.

Das Autofahren verbindet also alles, was den Kapitalismus kennzeichnet, Individualität wie permanente Anpassungsfähigkeit an die gegebenen Verhältnisse. Eigentlich ist das Verhältnis des Fahrers zum Auto wie zum Gesamtverkehr eine perfekte Allegorie auf sein Verhältnis zur Gesamtgesellschaft. Er lenkt und wird gelenkt, er ist selbst ein Teil des Verkehrsflusses, konstitutiert ihn als solcher mit und er muss sich ihm gleichzeitig stets möglichst reibungslos anpassen, wenn er nicht ein Störfaktor sein oder gar einen Unfall verursachen will. Die simple Grundregel seines Verhaltens ist dabei keine geringere als der Kantsche kategorische Imperativ höchstunpersönlich. Er muss sich stets so verhalten, dass die Maxime seines Fahrverhaltens zugleich Maxime einer allgemeinen Straßenverkehrsordnung sein könnte, was rein logisch natürlich auf das strikte Befolgen der bestehenden hinausläuft. Der Straßenverkehr ist also ein System höchster Vernünftigkeit, wie es sich Kant in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Das wird vom Gesetzgeber z.B. im „Vertrauensgrundsatz“, dass ich immer davon ausgehen darf (und soll), dass sich die anderen Verkehrsteilnehmer, sofern es mündige Erwachsene sind, regelgerecht verhalten, festgehalten.

Im Auto konstituiert sich der Mensch als kapitalistisches Subjekt. Er stellt seine Fähigkeit zur gedankenlosen Anpassung unter Beweis und trägt als Lohn einen anerkannten Platz in der Gesellschaft davon. Der Führerschein ist die offizielle Beglaubigung, ein tauglicher Bürger zu sein, daher das Streben so vieler Jugendlicher, ihn möglichst früh in der Tasche zu haben und die offenkundige Verachtung für all diejenigen, die es ihnen nicht gleichtun oder durch ihr Scheitern in der Fahrschule frühzeitig ihr künftiges Scheitern in allen Belangen des bürgerlichen Daseins unter Beweis stellen. Daneben gibt es natürlich auch ganz handfeste ökonomische und praktische Motive, die die angepassten Möchtegernbürger lenken, die aber hinter dieser Schlüsselrolle in der Konstitution des zivilisierten Individuums, die dem Autofahren zukommt, weit zurückstehen und eher ideologische als reale Beweggründe sind, da man objektiv in der heutigen Zeit auch sehr gut ohne Auto zu recht kommt.

Auch gesamtgesellschaftlich betrachtet ist das Auto eigentlich etwas höchst Irrationales. In der Automobilindustrie werden gewaltige Ressourcen gebunden, die denen, die von angemessener Nahrung statt eines neuen Mercedes träumen, nicht zu gute kommen. Nicht, dass ein objektiver Mangel bestehen würde, aber dies ist doch ein treffendes Beispiel für den objektiven Zynismus der Welt, in der wir gelebt werden. Von der ökologischen Misere, die durch das Auto zumindest mitverursacht wird, ganz zu Schweigen. Bei einer rationalen Organisation des Lebensraumes wäre es sicherlich möglich, dass man sämtliche Orte, die man alltäglich erreichen will, bequem zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen kann. Und für weitere Reisen könnte man doch einfach ein vollautomatisiertes Magnetschwebebahnnetz aufbauen (das natürlich mit Solarzellen, Windkrafträdern, die des Chics wegen wie mittelalterliche Windmühlen aussehen, und Biogasanlagen versorgt wird) und die nicht mehr benötigten Individualfahrzeuge dann zu Minitraktoren umbauen und nach Afrika schicken. Aber es ist wohl lächerlich, sich so etwas Utopisches auszudenken, wo doch ohnehin in jedem zweiten Musikvideo das Auto oder zumindest das Motorrad als Symbole der Freiheit suggeriert werden – was sie in zynischer Weise ja auch tatsächlich sind.


1 Antwort auf “Von der Bewegung des Verbrauchers”


  1. 1 Das antikapitalistische Archiv :: Von den Möglichkeiten der Bewegung :: November :: 2007 Pingback am 10. November 2007 um 16:40 Uhr
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