Standbeinwechsel

Liebe getreue Leser und Leserinnen dieses Blogs,

viele Monate lang habe ich immer mal wieder, wenn mich die Lust packte, meinen Senf zu verschiedenen Themen im www zu verschmieren, hier einen Text geschrieben. Diese Zeiten sind nun vorbei. Ich gebe hiermit die Auflösung dieses Blogs bekannt.

Aber das ist nicht alles, was ich euch mitzuteilen habe. Denn meine Tube ist noch lange nicht leergedrückt. Getreu dem alten Sprichwort mit dem König verkünde ich: das Blog ist tot – es lebe das Blog! Ab sofort werde ich eine neue Maske aufsetzen und unter neuem Namen bloggen – und zwar auf dem neuen Kollektivblog „La vache qui rit“. Wenn euch meine Schreibe hier einigermaßen gefallen hat, werdet ihr „La vache qui rit“ lieben, also schaut auf jeden Fall mal dort vorbei!

Dieser Schritt fällt mir nicht leicht, da ich mein kleines Reich hier wirklich lieb gewonnen habe, doch ich denke, er macht Sinn. Mich hat schon immer deprimiert, dass diesem Blog nur so wenig Beobachtung zu teil wurde und ich denke, ein Kollektivblog mit mehreren aktiven Bloggern hat viel mehr Möglichkeiten als ein Soloblog, der nur von den Zeit- und Lustressourcen einer einzigen Person abhängt. Außerdem betrieb ich nebenher noch einmal einen weiteren Blog, der eher politisch ausgerichtet worden war, was mich noch zusätzlich einschränkte, da ich hier nur Texte zu Literatur und Philosophie und dort nur Politisches postete, so, als wäre das so so ohne weiteres zu trennen.

Jetzt werde ich alle meine Kräfte auf „La vache qui rit“ konzentrieren und hoffe, dass diesem Blog, der sich v.a. durch lange, qualitativ hochwertige Texte auszeichnen soll, Erfolg beschieden sein wird.

Danke für eure Lektüre,

Euer Zacharias Kornblume.

Dinge, die die Welt nicht braucht, die man aber aus Langeweile trotzdem macht

Über diesen ganz netten Blog bin ich auf ein ebenso ganz netten Test für Philosophen gestoßen, den ich vor meinem in bälde beginnenden Studium zur Sicherheit noch einmal schnell durchführen wollte. Hier das Ergebnis:

What philosophy do you follow? (v1.03)
created with QuizFarm.com
You scored as Hedonism

Your life is guided by the principles of <b>Hedonism</b>: You believe that pleasure is a great, or the greatest, good; and you try to enjoy life�s pleasures as much as you can.

<br><br>�Eat, drink, and be merry, for tomorrow we die!�

<br><br>More info at <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/User:Arocoun">Arocoun’s Wikipedia User Page…</a>

Hedonism

85%

Existentialism

75%

Utilitarianism

60%

Nihilism

45%

Strong Egoism

35%

Kantianism

30%

Justice (Fairness)

30%

Apathy

20%

Divine Command

0%

Mein Kommentar: ja, hätte ich mir durchaus zugetraut. Marxismus gibts ja leider nicht ^^
Ich hätte mich selbst vielleicht etwas mehr kantianianisch und egoistisch eingeschätzt. Aber, man weiß ja: Teste lüge nicht.

Auf jeden Fall fühle ich mich jetzt super, weil ich mich doch nicht für Theologie eingeschrieben habe, was ja eigentlich immer mein großer Traum war.
Aber eigentlich wärs mir auch egal, so nihilistisch bin ich dann doch.

So, und jetzt besauf ich mich erstmal mit meinen hedonistischen Philosophenfreunden und erfinde mich dabei zugleich selbst. Irgendwann lall ich dann was von wegen, dass wir alle zur Freiheit verdammt sind. Von wegen Geworfenheit des Seins und son Scheiß …

Zur Phänomenologie der Glykophilie

Die Phänomenologie der Glykophilie ist ein Gegenstand „voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken“ (Marx). Die komplexe Dialektik des Objekts kann mit der fetischisierten Modalitäten der Subjektkonstitution innerhalb der spektakulären Vergesellschaftungsformen einer ihrer selbst entfremdeten Menschheit nur schwer harmonisiert werden. Dennoch liefert die von Helsing und Montgomery in „Spezifische Probleme marxologischer Protophänomenologie“1 entwickelte Methodologie der abstrakten Konkretion eine hinreichende Legierung, die es ermöglicht, den Fetisch, der sich speziell in der Sphäre der Ökotrophologie, die zur ausreichenden Reflexion des datierten Objektclusters unbedingt zu tangieren ist, peripher zu umgehen. Ohne diese aus erkenntnistheoretischer Perspektive durchaus kritikable Kathode ausreichend problematisieren zu können, ist es dennoch erforderlich, die Glykophilie als „Phänomen der Phänomene“, als „Sein des Seins“ zu durchleuchten.

Bereits in der primären Phase seiner postnatalen Existenz wird das „animal ipsationale“ mit dem Pectorallactalglykolen konfrontiert. Es wird in eine Welt glossaler Stimulation geworfen, deren Exitus es nicht so erreichen wird. Kon- und Synditionierungen, aber auch stereoophtaakusale Prägungen tragen das übrige zu dieser existienziellen Präformation anthropoider Ontogenese bei.
Auch die Phylogenese des Menschen weist auf eine stringente Progression von fructalen über lactalen und melativen zu spezifisch glykolen Trephosystemen hin. Die „Odyssee“, aber auch der Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ legen davon eindeutig Zeugnis ab – speziell auch was die negative Dialektik der Oinogenese betrifft.

Wenden wir uns nun dem eigentlichen Topos dieses textualen Fragments zu. Der auch noch im thanatotropen Stadium2 glykophile homo sapiens neigt im Rahmen der immobilen Konstitution der postindustriellen Gesellschaft zu einer bisweilen enormen glycerinalen Magnifikation des Abdomens. Eine signikante Multitude von Individuen nimmt dies mit Sicherheit zum Anlass, eine spezifische Idiosynkrasie gegenüber glykalen Karpositäten zu entwickeln, die nur eine Reaktion auf das objektive Grau des Panhämera formiert, das nicht zum objektiven, kakaoiden Braun werden will. Doch dafür gibt es weder kausale Legitimation noch eine legitime Kausalität. Wir müssen glykophil bleiben, auch wenn wir zum Parodontologen müssen oder uns die (oftmals genuin marzipanogene) Pläsmonie ereilt!

Mit den Worten Walter Benjamins:

„Dies Ein-für-Allemal des Genusses, diese Verschränkung der Zeiten, kann nur musikalisch zum Ausdruck kommen.“

  1. Auf Deutsch erschienen 1983 im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. [zurück]
  2. Etwa ab 15 Jahren. [zurück]

Auftauchen

Über drei Monate ist es jetzt her – das ist immerhin ein Vierteljahr – seitdem ich hier zum letzten Mal gebloggt habe. Es war nicht unbedingt der Zeitmangel, der mich davon abgehalten hat, sondern eher ein gewisses Gefühl der Desillusionierung. Interessiert es überhaupt jemanden, was ich hier schreibe? Sind es meine Gedanken wert, Eingang in die Sphäre der anonymen Öffentlichkeit zu finden? Was will ich damit überhaupt erreichen?
Beantworten kann ich diese Fragen zwar auch jetzt nicht, aber ich habe doch vor, mich ich wieder gelegentlich zu den gewohnten Themen (Literatur, Philosophie, das Leben, Gott, die Welt, …) zu Wort zu melden. Eigentlich ist mein Blog ja doch ganz nett und ein paar Leute scheinen meinen Blog ja nach wie vor aufzusuchen. Und außerdem hab ich in der Tat ziemlich viel im Kopf, über das ich schreiben könnte. Und außerdem wird es mal wieder Zeit, ein paar Sachen zu kritisieren die mich aufregen. Z.B. wie lahm die mir bekannte Blogszene derzeit ist. 90% der mir bekannten Blogger scheinen ihren Blog nurmehr mit youtube-videos und irgendwelchen bescheuerten Links aufrechtzuerhalten. Wenigstens sind einige wenige so ehrlich, das auch zuzugeben. Und Kommentare gibt sowieso viel zu wenige! So, als würde man sich als Blogger nicht darüber freuen, wenn man ein bisschen Feedback erhält, und sei es negatives! Und dann diese Absurdität, dass oft gerade Artikel, die nur aus einem Link zu einem anderen Blog und einem belanglosen „Kommentar“ dazu die meist Beachtung finden, während die, die einem wirklich am Herzen liegen, auf der virtuellen Gerümpelkammer zu verschwinden scheinen! Ich spreche aus eigener Erfahrung!

Aber was red ich da: der Schreibende ist mit den Lesenden wohl nie zufrieden, genauso wie der Lesende mit dem Schreibenden nicht. Sonst würde es ja auch wohl niemanden geben, der anfangen würde, zu schreiben, denn man schreibt ja aus Unzufriedenheit mit dem, was man gelesen hat, weil es nicht dem gerecht wird, was man selbst schreiben würde.

Also: in Zukunft lohnt es sich wieder, regelmäßig hier vorbeizuschauen.

Salut!

Zur Kritik der Internetdiskussionskultur

Obwohl mir die zumindest in marxistischen Kreise recht bekannte Gruppe Gegenstandpunkt aus verschiedenen, teils „geschmäcklerischen“, teils inhaltlich-theoretischen Gründen, unsympathisch ist, sagen ihre Vertreter doch auch sehr oft richtige Sachen. So z.B. Peter Decker zur Internetdiskussionskultur:

Ich mag den Stil, Verlauf und die aufgedrehte Präsentation eurer Debatte nicht und frage mich, ob das am Medium liegt, d.h. ob ihr meint, angeberisch ironische Pseudonyme, mal herabsetzende, mal herablassende Beschimpfungen und sonstige Elemente einer fetzigen Kritik und Gegenkritik wäret ihr dem Medium Internet schuldig: Ein sehr kleiner Kreis von gut unterrichteten, man möchte sagen, geschulten Leuten diskutiert im elektronischen toten Briefkasten virtuell weltöffentlich Unklarheiten über die Staatstheorie und versucht mit den genannten Touren sich und die Debatte für die Welt, die gar nicht hinschaut, interessant zu machen. Tatsächlich liegen die Diskutanten im praktischen Standpunkt und theoretisch nicht weit auseinander. Tatsächlich streitet ihr zweitens um schwierige Fragen, die überall aufkommen, wo unsere Staatstheorie rezipiert wird. Und dann beharkt ihr euch, als ob ihr es mit lauter Dummköpfen, Renegaten und Antikommunisten zu tun hättet. Ihr steigt einander auf lauter Abwege nach und verliert die Hauptsache eine Weile aus den Augen, findet über Umwege wieder zurück; beleidigt einander und verbraucht dann wieder Zeilen und Zeit, um zu einem sachlichen Ton zurückzufinden bzw. einander zu einem solchen Ton zu ermahnen. Statt der endlosen Threads und Kurz-Stellungnahmen fände ich es viel nützlicher, wenn die Protagonisten identifizierbar unterschiedlicher Auffassungen ihre Sicht einmal zusammenhängend aufschreiben und der Auffassung, die sie für verkehrt halten, gegenüberstellen würden. Solche Anfragen oder Stellungnahmen an die Gegenstandpunkt-Redaktion geschickt, hätten wir uns längst an der fälligen Klärung beteiligt. Aber euch ist das Medium, euere Internet-Plattform wichtiger, als eine Klärung mit uns. Wir bekommen anonymisierte e-mails zugeschickt, dass wir eure Diskussion nicht ignorieren sollen. Antworten können wir dem anonymen Schreiber nicht schicken, aber Mitglied im Internet-Diskutierklub sollen wir werden.

Gefunden auf gegenstandswechsel.blogsport.de

Die Freiheit des Westens

In einer der letzten Ausgaben hat sich der Print-Spiegel über Zensur beklagt. Der Grund: einige Passagen zum Koran mussten in der Ausgabe für Saudi-Arabien gestrichen werden. Auch ein alter Fall kam dabei zu Wort: auf einem früheren Titelbild mussten einige weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmale überbalkt werden. Einen ähnlichen Fall gab laut Süddeutsche auch in Ägypten. Und auch die Bildzeitung muss für ihre Ausgabe in den „islamisch geprägten“ (wie es so schön heißt) Ländern ihr „Titelmiezen“ überbalken lassen.

So. Das sind die Fakten. Wenn ich jetzt liberal wäre, würde ich mich natürlich ganz doll über diese erschreckenden Fälle von Zensur beklagen, wie es von Seiten des Spiegels ja auch geschieht. Dann würde ich aber einen fast schon mathematischen Freiheitsbegriff vertreten, nach dem die Freiheit in einem Land direkt proportional zu den auf Magazincovern abgebildeten Titten sei. Wäre mal ganz schön praktisch, so ein Modell zu entwickeln. Und dass der Spiegel ausgerechnet in islamischen Ländern daran gehindet wird, seine bisweilen nah an die Grenze des plumpen Rassismus gehende antiislamische Hetze zu verbreiten, ist schon eine Hundsgemeinheit!

Ne, die Wahrheit ist: so beklagenswert Zensur im Allgemeinen auch sein mag – diese Zensur im speziellen ist es nicht. Zwischen der Darstellung nackter Körper in irgendwelchen Medien und dem realen Freiheitsgrad der Individuen besteht erstmal überhaupt kein Zusammenhang. Das beste Beispiel dafür ist der Westen selbst. Wenn es hingegen in einem Land als anstößig gilt, nackte Körper in der Öffentlichkeit zu zeigen, ist es prinzipiell in Ordnung, wenn der Staat dagegen ein Verbot ausspricht. Geschadet wird damit niemandem außer dem betreffenden Boulevardblatt, das gedenkt, durch entsprechende Reizfaktoren seine Verkaufszahlen zu erhöhen.

Ehrlich gesagt mutet eine gewisse Abscheu gegenüber derartigen Darstellungen sogar zivilisierter an, als der im Westen betriebene Abbau von Intimscham, der ja selbst wiederum nur in den Medien und nicht so sehr in der Realität, wo vielleicht sogar das Gegenteil der Fall ist, stattfindet. Das Verhältnis von nur medial suggerierter und realer Freiheit wäre ohnehin einmal eine ausführlichere Untersuchung wert.

Perspektiven

Anscheinend ist es so, dass viele Chinesen sich durch die Proteste gegen den olympischen Fackellauf in ihrem Nationalgefühl verletzt fühlen und dafür überhaupt kein Verständnis aufbringen. Für sie bringt man im Westen wohl wenig Verständnis auf. Genauso wenig für Leute anderer Nation, die sich über das Verhalten der eigenen beklagen. So, wenn sich etwa Polen über das deutsche Verständnis von „Aufarbeitung der Vergangenheit“ echauffieren.

Hier wie dort muss man sich fragen, ob nicht gerade die Fremdwahrnehmung die objektivere ist, wie es die eigene Erfahrung im Alltag nur allzu oft bestätigt. Der berühmte „Splitter im Auge“, den man so gerne sieht, ohne auf den Balken im eigenen zu achten.

Zur Kritik der Menschenrechte

Die Menschenrechte sind Axiome: Auf dem Markt können sie mit vielen anderen Axiomen nebenher bestehen, insbesondere über die Sicherheit des Eigentums, von denen sie eher ignoriert oder aufgehoben werden, als daß sie ihnen widersprechen: „das unreine Gemisch oder das Unreine Seite an Seit“, wie es bei Nietzsche heißt. Wer kann die Misere und die Deterritorialisierung-Reterritorialisierung der Elendsviertel aushalten und verwalten – wer sonst außer der Polizei und den mächtigen Armeen, die mit den Demokratien koexistieren? Welche Sozialdemokratie gab nicht den Schießbefehl, als das Elend sein Territorium oder Getto verließ? Die Rechte retten weder die Menschen noch eine Philosophie, die sich am demokratischen Staat reterritorialisiert. Die Menschenrechte werden uns nicht dazu bringen, ein Loblied auf den Kapitalismus anzustimmen. Und es bedarf schon einiger Unschuld oder Gerissenheit, wenn eine Philosophie der Kommunikation durch Bildung einer als „Konsens“ verstandenen universellen Meinung, die in der Lage sei, Nationen, Staaten und den Markt auf moralische Prinzipien zu gründen, die Gesellschaft der Freunde oder sogar der Weisen wiederherstellen will. Die Menschenrechte sagen nichts über die immanenten Existenzweisen des mit Rechten ausgestatteten Menschen. Und die Scham, ein Mensch zu sein, überkommt uns nicht nur in den von Primo Levi geschilderten Extremsituationen [Auschwitz; Z.K.], sondern auch unter minder bedeutsamen Umständen, angesichts der Niedertracht und Vulgarität der Existenz, die die Demokratien heimsucht, angesichts der Ausbreitung dieser Existenzweisen und dieses marktgerechten Denkens, angesichts der Werte, Ideale und Ansichten unserer Epoche. Die Schmach der uns gebotenen Lebensmöglichkeiten kommt von innen zum Vorschein. Wir fühlen uns nicht außerhalb unserer Epoche, im Gegenteil: wir schließen unaufhörlich schändliche Kompromisse mit ihr. Dieses Schamgefühl ist eines der mächtigsten Motive der Philosophie. Wir sind nicht für die Opfer verantwortlich, vielmehr vor den Opfern. Und es gibt kein anderes Mittel, der Schmach zu entkommen, als zum Tier zu werden (grunzen, wühlen, grinsen, sich auf dem Boden wälzen): Das Denken selbst ist manchmal einem verendenden Tier näher als einem lebenden Menschen, und sei er Demokrat.
Wenn die Philosophie sich am Begriff reterritorialisiert, finden sie dessen Bedingung nicht in der gegenwärtigen Form des demokratischen Staates, auch nicht in einem Kommunikationscogito, das noch fragwürdiger ist als das Reflexionscogito. Uns fehlt nicht Kommunikation, im Gegenteil: wie haben zuviel davon, es fehlt Schöpferisches. Uns fehlt es an Widerstand gegenüber der Gegenwart. Die Schöpfung von Begriffen verweist in sich selbst auf eine zukünftige Form, sie verweist auf eine neue Erde und auf ein Volk, das es noch nicht gibt. Die Europäisierung stellt kein Werden, sie stellt lediglich die Geschichte des Kapitalismus dar, der das Werden der unterworfenen Völker verhindert. Kunst und Philosophie treffen sich in diesem Punkt: der Konstitution einer Erde und eines Volkes, die noch fehlen, als Korrelat des Schöpferischen. Nicht populistische, vielmehr die aristokratischen Autoren klagen diese Zukunft ein. Dieses Volk und diese Erde werden nicht in unseren Demokratien zu finden sein. Demokratien sind Mehrheiten, aber ein Werden ist seiner Natur nach das, was sich immer der Mehrheit entzieht.

Aus: Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Was ist Philosophie? Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1996. S. 124 ff.

Kommentar von mir: Eigentlich eine recht gute Kritik.

Filosofie für den Schulgebrauch

Die in meinem Beitrag „Philosophie und Subversion“ skizzierte Kritik von Gilles Deleuze und Felix Guattari an dem gegenwärtigen Philosophie-Betrieb findet ihre höchste Evidenz im Ethik-Unterricht an der Oberstufe bayrischer Gymnasien. Wenn die Philosophie die Kritik ihrer Zeit auf die höchste Spitze treibt, dann tut dieser Unterricht das Gegenteil.

Zugegeben, es ist nicht mal der Anspruch des Religion-Ersatzfachs Ethik soetwas wie einen Philosophie-Unterricht zu bieten. Ethik als philosophische Disziplin ist meines Erachtens ohnehin ziemlich schwierig zu fassen und zu beurteilen. Die Umschreibung „praktische Philosophie“ impliziert eine fragwürdige Trennung von praktischer und theoretischer Philosophie, die so strikt kaum gemacht werden kann. Die Ethik geht einerseits aus der theoretischen Philosophie hervor, andererseits steht sie bei manchen Philosophen (z.B. Platon, Nietzsche) über der Theorie und geht ihr sogar vorraus. Dem zollt auch der Ethik-Lehrplan seinen Tribut und erlaubt sich auch immer wieder Ausflüge in die schwindelerregenden Weiten der theoretischen Philosophie, die doch mit Recht als die „eigentliche“ bezeichnet werden könnte. Allerdings in so bescheidenem und unzureichendem Umfang, dass man sie fast vernachlässigen kann.
Faktum ist auf jeden Fall, dass eine Behandlung der reinen Ethik ohne eine Behandlung der reinen theoretischen Philosophie ein schwarzer Schimmel ist. Doch genau diesen Versuch wagt das Unterrichtsfach „Ethik“. (mehr…)

Die Aktualität des Internets

Ich bin mittlerweile ein wahrer Blog-junkie geworden. Immerhin, wenn ich nicht weiß, was ich zu tun habe, klicke ich mich durch einen erlauchten Kreis von ausgewählten Blogs durch und schaue mir neue und alte Beiträge an. Mit dabei der Blog des linken Veterans lysis. Ein Vorzug dieses Blogs ist, dass er garnicht so sehr eigene Beiträge des Betreibers, sondern alle möglichen Neuheiten aus der linken Internetcommunity erfährt. Wenn man in die linke Szene einsteigen will, aber nicht weiß, welches Feinbild gerade ansteht – hier findet man es. Außerdem beinhaltet der Blog einen del.icio-feed mit einigen verlinkten Texten. Einer sprang mir heute sofort ins Auge: „Über die Aktualität von Nietzsche“ aus der Zeitung „Freitag“. Das seltsame: dieser Text ist aus der dunklen Vergangenheit – genauer gesagt aus dem jahr 2000, als sogar die Twin Towers noch von Touristen erklommen werden konnten. Ich frage mich ernsthaft: wie schafft es ein acht Jahre alter Texte in diesen feed? Und wieso ist er mir nicht früher aufgefallen? Und überhaupt: wir leben im 21. Jahrhundert – alles was mehr als 5 Jahre alt ist interessiert uns ohnehin nicht mehr. (Wer erinnert sich schon noch an Schröder?)

Wie dem auch sei: für meine Begriffe ist dieser Text über die Aktualität von Nietzsche, genauer: die Aktualität von Nietzsches radikaler Erkenntniskritik, noch immer aktuell und gerade für Leute, die nichts von Nietzsche wissen, sehr lesenswert.